Ein Gespräch mit Schäfer Rainer Belzner über Landschaftspflege, Schafhaltung und das Leben mit der Natur.

Schafe sind Dirigenten der Natur

Zwischen weiten Streuobstwiesen und den Hängen des Hesselbergs lebt und arbeitet Rainer Belzner – Schäfer aus langjähriger Familientradition. Gemeinsam mit seiner Familie betreibt er eine Schäferei am höchsten Berg Mittelfrankens. Im Gespräch erzählt er, wie seine Tiere die Landschaft pflegen, was das Leben als Schäfer eigentlich bedeutet und warum ohne Schafe nicht nur Wiesen, sondern ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten würden.

„Schafe bringen die Natur ins Gleichgewicht“

Rainer, warum sind Schafe so wichtig für die Natur?

Rainer: Eigentlich profitiert alles von der Schafhaltung - Tiere und Pflanzen. Die Schafe verteilen mit ihrer Wolle Samen auf den Weideflächen. So verbreiten sie auf natürliche Weise Pflanzenvielfalt. Es entsteht ein schöner Rhythmus: Manche Flächen sind abgefressen, andere stehen in voller Blüte. Immer im Wechsel. Ein gutes Beispiel dafür ist der seltene Berghexenfalter hier am Hesselberg. Er braucht genau diese Beweidung, damit seine Brutplätze erhalten bleiben. Es ist ein feines Zusammenspiel: Die Schafe sind die Dirigenten in diesem Naturorchester.

„Was für viele eine Idylle ist, ist für uns Alltag - bei jedem Wetter“

Was bedeutet es, heutzutage Schäfer zu sein?

Rainer: Viele sehen uns bei schönem Wetter draußen auf der Weide und denken: „Was für ein idyllischer Beruf!" Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Wenn es stürmt oder regnet, sind wir trotzdem draußen.

Das ist kein normaler Beruf - das ist eine Berufung. Man wird oft hineingeboren, so wie ich. Oder man hat ein Schlüsselerlebnis, das einen nicht mehr loslässt. Denn finanziell gäbe es sicher leichtere Wege.

Die Realität: 365 Tage im Jahr im Einsatz. Die Tiere brauchen täglich Pflege - egal, wie man sich fühlt. Auch wenn man älter wird, kann man nicht einfach aufhören. Aber dann gibt es diese Momente: Die Sonne scheint, die schöne Landschaft - und man weiß wieder, warum man das alles macht.

„Das Merino-Landschaf ist unser perfekter Partner“

Welche Rolle spielt die Schafrasse in eurem Betrieb?

Rainer: Wir arbeiten mit dem Merinolandschaf, einem echten Mehrnutzungsschaf für Wolle und Fleisch. Vor allem ist es marschfähig. Das heißt, es ist so gebaut, dass es auch lange Strecken laufen kann - und das müssen unsere Schafe am Hesselberg. Fleischschafe mit einem steileren Beinwinkel sind eher für flache Deiche geeignet, wo sie nicht so viel laufen müssen. Unsere Tiere dagegen müssen richtig mitziehen - da ist das Merino-Landschaf ideal. Deshalb ist es auch in Süddeutschland weit verbreitet. Hier gibt es noch viele Wanderschäfer.

„Unsere Arbeit ist echte Dienstleistung – keine Subvention“

Wie funktioniert die Vermarktung eurer Produkte?

Rainer: Ich sehe uns als Dienstleister für die Landschaftspflege. Vom Verkauf der Produkte allein könnten wir nicht leben. In unserem Betrieb - und wahrscheinlich bei 90 Prozent der Kollegen - kommt das Haupteinkommen aus Naturschutzprojekten. Wir pflegen Flächen und werden dafür bezahlt, dass sie durch Beweidung ökologisch wertvoll bleiben. Das sind keine Subventionen - wir leisten echte Arbeit. Pro Muttertier haben wir in der Regel ein Lamm. Das bringt uns das Einkommen, das wir brauchen, um über den Winter zu kommen. Der Winter kostet uns 80.000 bis 100.000 Euro - Futter, Stall, Betreuung. Und dann brauchen wir noch einen Lohn für uns und unsere Mitarbeiter.

Das Problem ist: Es gibt kaum noch Wollverarbeitung in Europa. Wäschereien, Kämmereien - alles weggebrochen. Nur wenige Nischen halten sich. Ohne die gäbe es keinen Markt mehr für Wolle. Den wieder aufzubauen, halte ich ehrlich gesagt für relativ schwierig.

„Zucht ist kein Zufall, sondern System“

Wie stellt ihr die Qualität in der Herde sicher?

Rainer: Bei der Schur achten wir auf Sauberkeit - deshalb scheren wir früh, wenn die Tiere in den Stall kommen. Und bei der Zucht bin ich konsequent: Ich kaufe nur bewertete Zuchttiere, vor allem bei den Böcken achte ich auf die Wollqualität. Denn die vererbt sich sehr zuverlässig. Über Jahre hinweg selektiere ich gezielt - nur so bleibt die Qualität erhalten. Es ist ein Kreislauf aus sorgfältiger Auswahl und ständiger Verbesserung.

Zum Schluss: Was wünschst du dir für die Zukunft der Schäferei?

Rainer: Mehr Wertschätzung. Für die Arbeit, für die Tiere – und für die Rolle, die wir für die Natur spielen. Denn ohne uns und unsere Schafe würden viele Landschaften ganz anders aussehen. Und viele Arten einfach verschwinden.