Wollexperte Walter Aigner
Wir geben einem Schäfer nicht genug Geld für seine Produkte, damit er von seiner Arbeit leben kann. Das darf nicht sein. Ein Gespräch mit dem Wollexperten Walter Aigner. Walter Aigner ist von Kindesbeinen an mit Wolle vertraut. Sein Herzensprojekt: Eine Fernsehdokumentation über europäische Wolle. Seine Mission: Der Wolle und den Schäfern die Wertschätzung zurückgeben, die sie verdienen. Im Gespräch erzählt Walter von seinem Leben mit der Wolle, den Herausforderungen der europäischen Schafhaltung und der Bedeutung von Nachhaltigkeit.
Walter, wie bist du eigentlich zur Wolle gekommen?
Wolle begleitet mich schon mein ganzes Leben. Mein Vater hatte ein Teppichunternehmen, in das ich in den 1990er Jahren eingestiegen bin. Damals ging es der Firma wirtschaftlich nicht gut. Der Umsatz war im Keller. Um die Jahrtausendwende habe ich die gesamte Produktion nach Siebenbürgen, Rumänien, verlagert. Weg von der Quantität, hin zur Qualität. Wir haben die erste GOTS-zertifizierte Teppichkollektion auf den Markt gebracht. Irgendwann gab es Unstimmigkeiten mit meinen Partnern und ich habe beschlossen, das Unternehmen zu verlassen.
Ihr habt in deiner Teppichproduktion aber schon viel europäische Wolle verarbeitet?
Ja, so ungefähr 20 bis 30 % der Wolle kam aus Europa, überwiegend aus Sardinien. Das ist eine ganz klassische, drahtige Teppichwolle. Vor allem wegen der Farbe haben wir auch viel braune Wolle aus Deutschland verarbeitet.
Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Dokumentarfilm über europäische Wolle zu drehen?
Vor über drei Jahren habe ich einen Anruf von Harald Krassnitzer bekommen, einem österreichischen Schauspieler und Moderator. Er erzählte mir, dass er in Norddeutschland spazieren war, einen Schäfer getroffen hat und gefragt, was er mit der Wolle machen würde. Die Antwort: „Wegschmeißen, was denn sonst?!“ Harald konnte das gar nicht glauben und war richtig entsetzt. Er hat mich angerufen und gesagt: „Walter, du musst unbedingt was über die Wolle machen!“
Harald hat mich quasi ins kalte Wasser geworfen und gezwungen, schwimmen zu lernen. So habe ich mich in das Thema hineingearbeitet und beschlossen, die Doku zu machen. Harald spricht mir den Kommentar, sobald ich fertig bin.
In wie vielen Ländern warst Du für Deine Doku unterwegs?
Es sind 15 Länder bisher – von Skandinavien über Belgien und Deutschland bis nach Portugal. Rumänien und Bulgarien sind natürlich auch dabei.
Hast Du nur die Schäfer besucht oder warst Du auch bei wollverarbeitenden Unternehmen?
In erster Linie habe ich Leute getroffen, die etwas mit der europäischen Wolle machen. Daneben Wissenschaftler, eine Historikerin und eine Geographin in einem deutschen Naturpark. Gelegentlich hat es sich dann natürlich ergeben, dass wir bei einem Schäfer gefilmt haben. Ich begleite zwei Schäfer in Siebenbürgen mit der Kamera durch ihr Arbeitsjahr. Denn wer weiß schon, wie die Arbeit eines Schäfers eigentlich aussieht.
Du hast ein relativ großes Wissen über den Einfluss der Schafhaltung auf viele gesellschaftliche Bereiche. Kannst du das vielleicht noch einmal zusammenfassen? Du hast einmal gesagt, dass die Schafhaltung unsere Landschaft zu dem gemacht hat, was sie heute ist.
Wenn wir Europa heute anschauen, dann denken viele Menschen, dass eine Wiese, ein Waldstück oder eine Berglandschaft mit Almen Natur wären. Aber das sind Kulturlandschaften, die über Jahrtausende durch den Menschen und seine Tiere geprägt wurde. Ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche ist Weideland.
Die grünen Hügel Englands, die offenen Berglandschaften der Alpen – all das sind das Ergebnis der Beweidung. Die Wiederkäuer sorgen für eine unglaublich artenreiche Landschaft, denn ihre Exkremente dienen als Dünger und tragen Pflanzensamen weiter. Aber wir geben einem Schäfer nicht genug Geld für seine Produkte, damit er von seiner Arbeit leben kann, also braucht es demütigende Subventionen.
Aber das gilt doch für die gesamte Landwirtschaft, oder?
Ja, aber wir müssen uns fragen: „Warum werden die Produkte und Leistungen der Bauern nicht so bezahlt, dass sie sich rechnen?“
Beweidung hat noch weitere Funktionen, wie zum Beispiel Erosionsschutz. Das sieht man bei der Deichpflege in Norddeutschland oder Holland. Schafe halten die Grasnarbe auf den Deichen jung und frisch. So können sich keine Büsche oder Bäume ansiedeln, die den Deich schwächen. Das Gleiche in den Alpen. Die Schafhaltung ist wichtig für den Erosions- und Lawinenschutz. In Südeuropa ist die Waldbrandgefahr ein großes Thema. Schafe und Ziegen entfernen Büsche, Laub und Totholz aus den Wäldern. Wenn wir keine Schafe und Ziegen mehr haben, bleibt dieses brennbare Material im Wald liegen und es kann zu verheerenden Feuerstürmen kommen.
Wenn es keine Schäfer mehr gibt, dann verschwinden nicht nur deren Jobs. Auch ihre Familien sowie Schlachter, Scherer, Wollverarbeiter und andere mit der Schafhaltung verbundene Berufe ziehen weg. Das führt zu einer verstärkten Landflucht und zum Zusammenbruch ländlicher Öko- und Wirtschaftssysteme. Um all das zu verhindern zahlen wir hohe Subventionen, sind aber nicht bereit, die Schäfer über ihre Produkte für ihre Leistungen anständig zu bezahlen. Für mich ist das eine Sackgasse.
Kannst du grob skizzieren, wie viel Wolle überhaupt verwendet wird? Am Beispiel von vielleicht fünf oder sechs Ländern?
Niemand weiß genau, wie viel Wolle es gibt. Wolle gilt als tierisches Nebenprodukt und wird nur dann erfasst, wenn sie gewaschen oder über Ländergrenzen hinweg transportiert wird, also beim Export/Import.
Wir gehen davon aus, dass es in der EU ca. 60 Millionen Schafe gibt. So komme ich auf vielleicht 100 Millionen Kilo gewaschene Wolle. Es würde mich sehr wundern, wenn wir im Moment mehr als 1/3 davon nutzen. Ganz schlimm ist die aktuelle Situation in Spanien. Seit Ausbruch der Pandemie kaufen die Chinesen keine spanische Merinowolle mehr. Spanien ist das Mutterland der Merinoschafe und in den Lagern stapeln sich die Wollernten von drei Jahren.
Rumänien hat über 10 Millionen Schafe und ist das zweitgrößte Schafhaltungsland Europas. Wenn ich durch Transsilvanien fahre, sehe ich überall verrottende Wollhaufen. Ich schätze, dass in Rumänien höchstens 10 % der Wolle genutzt werden, in Bulgarien nicht einmal das. In Deutschland und Österreich sind es wahrscheinlich um die 30 %. Italien und Dänemark liegen darunter. In Schweden sieht es etwas besser aus. Hier würde ich davon ausgehen, dass etwa 50 % der Wolle verwendet wird.
Warum ist das so? Was sind die Hindernisse und Probleme bei der Aufwertung unserer heimischen Wolle?
Das Hauptproblem ist die unglaubliche Menge an synthetischen Fasern, die von der Erdölindustrie zu Tiefstpreisen in den Markt gedrückt werden. Die Folgeschäden trägt die Umwelt, unsere Gesundheit und eben auch die Wolle.
Von 1.000 Schafrassen, die es weltweit gibt, haben wir 600 in Europa. Verbunden mit kleinen Herdengrößen und dem Niedergang der lokalen Textilindustrie gibt das eine sehr schwierige Ausgangslage.
Also ist eine Lösung letztendlich eine politische Frage?
Und eine Konsumentscheidung, denn schließlich beeinflussen wir als Konsumenten die Politik und wir treffen Kaufentscheidungen. Unser Wahlverhalten entscheidet, wer an der Spitze steht. Wir hätten in Europa eine reiche Oberschicht und eine sehr große kaufkräftige Mittelschicht, die das Geld hätte, Wolle mit einer bewussten Entscheidung zu unterstützen. Für mich wäre Luxus, das nachhaltigste Produkt seiner Klasse zu entwickeln und dem Konsumenten anzubieten.
Was könnte man noch tun, um den Wert der Wolle bzw. die Wertschätzung der Wolle wieder in den Vordergrund zu rücken?
Wir bräuchten dringend mehr Forschung in Europa. In Nordamerika gibt es Forschungsergebnisse aus den letzten sechs Jahren, die zeigen, dass Wolle positiv für das Klima ist. Durch die regenerative Beweidung von Grasland wird mehr CO₂ im Boden gespeichert, als durch die Produktion der Wolle – also durch die Bewirtschaftung der Farm – freigesetzt wird.
Glaubst du, dass der Nachweis, dass die Schafhaltung in Europa mit Weidehaltung CO2-neutral oder sogar positiv ist, helfen könnte, Polyesterfasern als Alternative abzulehnen?
Das wäre schön, aber wir bräuchten einen medialen Tsunami, um gegen die Werbegelder der Öllobby bestehen zu können.
Weil Du die Forschung noch angesprochen hast: Was wären denn große oder wichtige Anwendungsbereiche, wo die Wolle vielleicht gut funktionieren könnte?
In der Bauindustrie könnte man Wolle perfekt einsetzen und auch große Mengen verbrauchen. Mein großer Wunsch wäre ein in Europa zugelassener Mottenschutz, der dauerhaft mit der Wolle verbunden ist. Damit ich Sicherheit habe, wenn ich Wolle als Dämmstoff einsetze.
Und daneben gibt es ein Problem mit mittleren Mengen von 300 bis 3.000 kg Wolle. Wir bräuchten Forschung im Textilmaschinenbereich, um solche Mengen lokal effizient zu verarbeiten.
Du bist ja auch ein Liebhaber des Materials und hast viele Idealisten und Wollliebhaber getroffen. Gibt es ein Projekt, das dir auf deiner Reise besonders ans Herz gewachsen ist?
Ich liebe die Truppe von Laines Paysannes, die in den Pyrenäen die Wolle einiger Schafzüchter zu ganz unterschiedlichen Produkten verarbeitet - von gestrickten Socken über Pullover bis hin zu Teppichen, mit unglaublichem Enthusiasmus und unter großen Schwierigkeiten. Ich sehe, wie Rosa Pomar in Portugal seit mehr als 15 Jahren Strickgarne herstellt und wie gut ihr Unternehmen auf dem Markt etabliert ist. Klippan in Schweden verkauft sehr erfolgreich Decken aus schwedischer Schafwolle, die noch vor wenigen Jahren vernichtet wurde.
Ich sehe, wie Baur Vliesstoffe mit swisswool und lavalan tolle Sachen macht. Und was die Designerin Christien Meindertsma in Holland entwickelt.
Wir brauchen diese Leuchtturmprojekte für die europäische Wolle.



